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Kinder beim Klettern – Eine Kinderärztin im Interview

Inhaltsverzeichnis

Klettern und Bouldern sind absolute Fun-Sportarten. Ob beim Kindergeburtstag, in der Ferienfreizeit oder mal kurz zum Schnuppern am Samstagvormittag. Die Sportarten lassen sich entspannt ausprobieren. Für Eltern, die selbst klettern, ist es oft eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihre Kinder mitnehmen und auch vom Sport begeistern möchten. Doch was ist wichtig, wenn ich mit Kindern in die Halle oder am Fels klettern gehen möchte? Wie können Kinder und Jugendliche vom Klettersport profitieren?

Ein Interview mit Sportkletterin und Kinderärztin Isabelle Schöffl

Wir haben für euch mit Isabelle Schöffl gesprochen. Sie ist langjährige Kletterin, selbst Mutter von zwei Kindern und zusammen mit ihrem Mann Volker Schöffl und ihren Kindern auf der ganzen Welt unterwegs. Als Ärztin arbeitet sie am Uniklinikum Erlangen in der Kinderkardiologie. Auch an zahlreichen Studien in der Klettermedizin war und ist sie beteiligt.

Isabelle Schöffl ist selbst langjährige Kletterin.

Der Kletter- und Bouldersport hat bei vielen Kindern und Jugendlichen einen großen Fun-Faktor. Eignet sich der Klettersport als regelmäßige Sportart?

Mir ist wichtig, dass Kinder überhaupt Sport machen. Der Sport muss immer so sein, dass auch Kinder bereit sind den Sport zu tun. Klettersport ist einfach attraktiv, da Kinder ihn gerne machen.

Boulder- und Klettersport stellt Anforderungen an Kinder, die die kindliche Entwicklung besonders unterstützen. Welche Bereiche werden gefördert?

Klettersport ist ein klarer Ganzkörpersport. Er trainiert Fitness und Motorik gleichzeitig. Durch den intellektuellen und psychischen Aspekt fördert der Sport das Übernehmen von Verantwortung und lässt Kinder die Selbstwirksamkeit deutlich spüren. Klare Regeln, wie man sie von Kampfsportarten kennt, sind im Klettersport nahezu selbsterklärend. Der Klettersport macht diese Regeln fast ein bisschen natürlich – sie werden klar, wenn man sagt: Du darfst das Seil am anderen Ende festhalten, wenn Du aufpasst, dass der andere nicht runterfällt.

In anderen Ländern ist der Klettersport auch an Schulen etabliert. Wäre Kletter- oder Bouldersport auch an Schulen in Deutschland denkbar?

Es braucht ausgebildete Lehrkräfte, um Klettern an Schulen anbieten zu können.

Die Bestimmungen und Regeln im deutschen Schulsystem sind gefühlt immer strenger als im Rest der Welt. Ich fände es super, wenn Klettern sich an deutschen Schulen etablieren würde. Doch wissen wir auch, dass das Schwimmen seit Jahren immer weniger wird. Es braucht hierzulande speziell ausgebildete Lehrkräfte, damit das Klettern in Schulen durchgeführt werden könnte. Da wäre es mir wichtiger, sie lernen schwimmen, denn das ist überlebenswichtig.

In deutschen Kletter- und Boulderhallen gibt es eine Menge an Angeboten für Kinder und Jugendliche. Was ist wichtig beim ersten Besuch in der Halle?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Kinder Spaß haben. In deutschen Boulderhallen braucht man keine Einweisung, um mit den eigenen Kindern dort klettern zu gehen. Die objektiven Gefahren sind daher vielen gar nicht bewusst. Ich finde es auch schwierig Personen das Bewusstsein für bestimmte Sicherheitsaspekte zu geben, wenn sie nicht wissen auf was sie sich vorbereiten müssen oder vom Klettern nichts verstehen.

Es gibt viele Personen, die kritisieren, dass die Aufklärung über Sicherheitsaspekte vor allem in Boulderhallen fehlt. Wie können hier die Betreiber noch nachbessern?

Vielleicht müssen einfach noch mehr Schilder angebracht und noch bildlichere Erklärungen verfasst werden, die jeder, der die Halle besucht unterschreibt und sie so aufbereitet auch versteht. Es gibt genug Erwachsene, die in Kletterhallen Mist bauen. Da habe ich mir abgewöhnt einzuschreiten, aber wenn Kinder gefährdet werden, dann sage ich schon etwas.

Was können Betreuer*innen oder auch die Hallenbetreiber zur Sicherheit der Kinder beitragen?

Ganz wichtig ist für mich die Kinder auszubilden und nicht immer die Verantwortung an die übergeordnete Person abzugeben. Auch als Kinderärztin bin ich jemand, der propagiert die Kinder mit ins Boot zu holen und offen mit ihnen über ihre eigenen Grenzen zu sprechen.

Wollen Eltern selbst klettern, müssen Kinder Verantwortung übernehmen.

Ein 10-jähriges Kind kann in der Halle schon Verantwortung übernehmen und versteht, was es heißt nicht unter Bouldern durchzulaufen. Ein 4-jähriges Kind versteht das noch nicht und hat es auch direkt wieder vergessen. In dem Fall müssen die Eltern die Verantwortung übernehmen. Ich kann Eltern verstehen, die auch mal Klettern wollen, aber das ist eine klare Kindsgefährdung, wenn man sein Kind durch die Boulder laufen lässt. Da wünsche ich mir auch, dass Kletterhallenbetreiber rechtliche Unterstützung bekommen, um eventuell gegen Unvernunft vorgehen zu können.

In deutschen Hallen können alle Klettertrainer auch Kurse für Kinder und Jugendliche leiten. Sollten die Trainer*innen nicht differenzierter ausgebildet werden?

Ich würde mir wünschen, dass die Trainerinnen und Trainer, die mit Kindern und Jugendlichen auf Leistungsniveau klettern, sich auch mit den medizinischen Aspekten befassen. Viele haben eine klare Vorbildfunktion und damit auch Verantwortung. Wenn Kinder sehen, dass sie immer hart trainieren, wollen sie das auch. Nur bei Kindern kann falsches Training zu Spätfolgen führen. Wir raten auch davon ab, dass Kinder und Jugendliche das Campusboard nutzen. Da hängen mittlerweile Schilder, dass es verboten ist.

Wann sollten Trainer*innen besonders aufmerksam sein?

Vor allem in der Pubertät ist es wichtig, dass Trainerinnen und Trainer ihrer Rolle bewusst sind. Magersucht, sonderbare Essverhalten, chronische Überlastungen – das sind alles Schäden, die ein Leben lang bleiben können. Ich werde hellhörig, wenn Kinder und Jugendliche plötzlich gar kein Bock mehr auf das Klettern haben.

Ab wann können Kinder andere Kinder und Erwachsene sichern? Lässt sich das am Alter der Kinder bestimmen?

Das ist von der persönlichen Entwicklung des Kindes abhängig. Es gibt auch Erwachsene, von denen man sich nicht sichern lassen möchte. Meine Kinder sichern sich gegenseitig. Wir lassen uns von unseren Kindern sichern, nur dann ist auch klar, dass wir eine entspannte Route klettern und natürlich mit einem Ohm.

Wie erfahren sollten Eltern oder Betreuer*innen sein, wenn sie mit Kindern und Jugendlichen größere Touren planen?

Vielleicht ist das der beste Rat: Wenn ich mit mir selbst ausreichend beschäftigt bin, sollte ich nicht noch Kinder mitnehmen.

Familie auf Klettersteig
Anspruchsvolle Routen sollte man mit Kindern meiden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Weitere Artikel:

Mehr zum Thema Klettern mit Kindern findest du in folgendem Artikel.

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Bergfreundin Anna

Mein schönstes Erlebnis war die Gletschertour im Mount Cook Nationalpark in Neuseeland. Sonst freue ich mich immer auf eine warme Hütte nach einer langen Tour!

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